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Auszüge aus Textpassagen

Friedhof. Gießkannen. Mutter mit toupiertem, hinten hochgestecktem Haar, engem Rock. Ende Zwanzig. Schuhe mit Absatz. Mein Pullover ist handgestrickt. Das weißblonde Haar gelockt, die Strumpfhose hängt schlabbernd bei den Knien. Kurzer Faltenrock. Mein Bruder und ich raufen vor dem Wasserhahn um den Spritzkrug. Die Mutter greift vermittelnd ein. Beide Kinder halten sich am Spritzkrug fest. Beide heben auf, Mutter gießt.

Sommertag. Faltenrock. Dunkelblau. Sandalen. Frau Prinz, vom ersten Stock gegenüber auf der anderen Straßenseite, schaut aus dem Fenster. „Geh Kindchen, geh doch auf den Gehsteig hinauf!“, ruft sie. „Halt die Goschn, du Hur!“, das Kind, das ich bin, zurück. Frau Prinz erschrickt. Andere auch. Halten Abstand. Zwischen dem kleinen Kind, das ich bin, und der Menschheit entsteht große Distanz. Eine Pufferzone.

Die Worte der Fleischhauer trage ich als Waffe im Mund. Scharf gewetzt wie Schwerter. Sie schlagen Feinde in die Flucht. Erwachsene pirschen sich an. Süßlich. Und: Zack! Schon sind sie getroffen vom hellblonden Lockenkopf.

Die Kinder fürchten sich nicht vor mir. Die Kinder kümmern sich nicht um Sätze. Ich werde nicht reglementiert. Ich werde von Buben nicht sekkiert. Mich interessieren Puppen. Freundinnen. Kleine Spitzendecken. Kornfelder. In-Sägemehlhaufen-Rutschen. Rosinen-aus-dem-Germteig-Essen.

Die Fleischersprache hält mir die Schlechten und die Guten gleichermaßen vom Leib. Wie die Sprachentwicklung weiter verläuft, weiß ich nicht. Wieso ich aufhöre, die gewetzten Schwerter aus meinem Mund zu ziehen, weiß ich auch nicht. Ich kann mich nicht an Strafen erinnern. Nicht an Belehrungen. Nur an Lilli. Und an Raffe. Zwei Frauen mit erwachsenen Kindern. Kriegswitwen. Beide sind warm. Sie drücken mich und sie füttern mich mit liebevollen, zarten, leisen Worten und Sätzen.

Ich will zu den Sozialistenkindern vom Voest-Vater dazugehören. Unter dem Holzdeckel von ihrem Plumpsklo in einem Holzverschlag im Hof schwimmt eine stinkende Brühe. Zeitungspapier als Klopapier geschnitten liegt neben dem Deckel. Neben der Stubentür hängt ein Weihwassergefäß und bei jedem Hinausgehen und Hereinkommen bekreuzigen sich alle. Auch ich. Wir lecken Kalk von der Stubenwand. Alle bekommen Margarinebrot mit Zucker. Ich auch. Alle essen aus einer einzigen großen Schüssel. Die Löffel werden vor Benützung mit Sandpapier abgerieben und schmecken metallen.

Bevor wir in die Schule kommen, spielen mein Bruder und ich manchmal zusammen. Er mag andere Tätigkeiten und andere Materialien als ich. Ich springe mit meinem Bruder auf dem Heuboden herum. Ich mische mit ihm Farbpulver in den Haufen Bausand hinter dem Rohbau. Der Maler ließ seinen Kasten vor der Hoftür stehen. Wir bauen aus Bausand mit Farbpulvern Straßen. Wir praktizieren Zicklein-Festhalten-und-auf-ihm-Reiten. Feuer. Kartoffelbraten. Wir spielen zusammen Postamt. DKT. Er mag Matador. Wenn er mit Buben zusammenkommt, ist er anders. Marterpfähle, Autos, Laubsägen und Indianer sind für mich uninteressant. Ich schaue Ottl, Fredi, Bruder zu. Wundere mich. Im Winter setzen sie Wollhauben schräg auf. Die Ohren bleiben unbedeckt. Sie gefallen sich selbst und einander.

Mutter hat drei Kinder, doch nur zwei Hände. Eine Hand ist immer für das Jüngste reserviert. Um die zweite Hand wird immer gestritten, gerauft. Ich bin das böse Kind. Ich beiße auch, trete und ziehe an den Haaren. Die Vaterhand will niemand.

Mutter sitzt jeden Nachmittag mit meinem Bruder

Er geht in die erste Klasse. Sie und er machen seine Hausaufgaben. Religion: „Du sollst das … tun und das … meiden.“ Er soll ausfüllen. „Du sollst das Essen tun und das Gemüse meiden“, schreibt er. Sie gibt nach einem Jahr auf. Das hält sie nervlich nicht durch. Sie schwört, dass sie sich niemals zu mir setzen wird, egal, was auch komme.

Als ich aus dem Wasser komme, setze ich die Brille wieder auf. Ich bin zufrieden, lege mich bibbernd auf eine Decke und beobachte eine fremde Frau, eine Sommerfrischlerin, die ihr Kind, das genauso alt ist wie ich, abtrocknet und dann hilft, das Leibchen, das auf der halbnassen Haut klebt, über den Rücken hinunterzuziehen.

Da breche ich so in Tränen aus, dass die Freude darüber, dass ich es geschafft habe, dass ich schwimme, hinwegfließt. Ich sehe beim Heimgehen alles verschwommen.

Wenn Mutter vormittags eine freie Minute hat, kommt sie mit einer braunen Tasse mit Kaffee auf einem Tablett, setzt sich im Wohnzimmer hin, zündet sich eine Smart-Zigarette an, liest in einer Illustrierten, nippt am Kaffee und zieht an der Zigarette. Irgendjemand ruft nach ihr: „Frau Cheeeeefin!“ Sie dämpft hastig die Zigarette, die weiterglüht. Ein Rauchfaden steigt auf. Ich ziehe daran. Es schmeckt ekelig. Diese Szene wiederholt sich oft.

Mein Bruder lebt und arbeitet bei den Eltern.
In meinen Zwanzigern hängt sein Schicksal wie ein Schatten über mir. Er lehnt sich gegen den Vater auf. Er sucht immer und überall die Ekstase. Versucht mit Alkohol, Haschisch und anderen Drogen, mit Musik und Geschwindigkeit eine Welle zu reiten. Ich habe panische Angst, man würde mich eines Tages anrufen und mir sagen, er sei tot. Jahrzehntelang.

Jetzt
Genauso tritt es 2013 ein.

Ich putze kleine Sachen für die Frau des Programmdirektors des Senders France 2. Er trägt „Habit Rouge“, ein Rasierwasser von Guerlain. Es duftet so wie ich noch nie etwas gerochen habe. Es schüchtert mich ein. Ich fühle mich vollkommen bescheuert. Doof. Zurückgeblieben. Der Duft kommt von oben herab. Pudrig. Stolz. Président. Ich schrumpfe zu „dummes Ding, dummes“. Das Paris-Jahr ist in Sachen Klassenzugehörigkeit eine Schule für mich. Ich bin vom Land. Landpomeranze.

Französinnen. Dunkelblau und hellblau. Parfüms. Wieso bin ich nicht hellblau, dunkelblau? Wieso bin ich nicht Bourgeoisie? Guerlain. Es ist das Tennisjahrzehnt. Vor Golf noch. Tennisoutfit. Ich kann nicht Tennis. Es ist die Zeit der Pferdegestüte, der Reitstunden. Ich kann nicht reiten. Segeln. Segeltörn. Ich kann nicht Bretagne. Ich kann nicht Le Midi. Lavendelfelder. Lavendelsäckchen in kleinen Tüchern mit provenzalischen Mustern in Ocker und Weiß. Ich kann nicht Côte d’Azur.

Ich habe keine Menschenseele, die mir hilft. Ich kenne mich bei nichts aus. Nicht bei Prüfungsabläufen, beim Verfassen von Arbeiten, beim Ausfüllen von Formularen, bei Fristen, bei Grob- und Feinplanungen, bei Ansuchen für Auslandsstipendien, nicht dabei, wie ich in einem mir vollkommen neuen Umfeld Nähe zu Menschen finden soll. An den Wochenenden scheinen alle um mich herum in ein Gefüge zu verschwinden, in das sie eingebunden zu sein scheinen. Nur ich bin allein. Mir wird schwer ums Herz. Ich wohne in meiner kleinen Wohnung. Ich bekomme dreitausendfünfhundert Schilling für Essen, Wohnen und kleine Ausgaben.

Ich finde in der Abwesenheit des Krampuspartymannes in seiner Wohnung Fotos in einer Schachtel: Er auf verschiedenen Frauen liegend, er verschiedene Frauen küssend, Frauen auf ihm sitzend – es sind sicher vierzig solcher Fotos. Ich klebe sie alle zu einer Collage zusammen und hänge das Kunstwerk über sein Bett. Mein Werk gefällt ihm. Wie die Trophäen eines Jägers. Warum bleibe ich?

Ich esse bei seiner Mutter mit. Ich bleibe dort über Nacht. Nichts gefällt mir mit ihm. Er säuft. Seine Kumpels saufen wie er, sind aber weniger eloquent und nicht so versiert in der Frauenanmache. Es ist entsetzlich.

In der Mitte, im Erdgeschoss, die Mensa mit doppelten Glasflügeltüren vorne und hinten, wie ein Durchgang. Der Rauch steht wie Nebel und zieht durch das gesamte Gebäude. In der Mensa trinke ich im Laufe meines Studiums tausende Kaffees und rauche wie verrückt. Ein Transparent mit „Russland raus aus Afghanistan!“ hängt außen auf der Germanistik. Ich verstehe kein Wort. Was soll das bedeuten? Afghanistan ist für mich nicht nur geografisch unendlich weit entfernt.

Ich setze mich, bin still. Lass uns in die Ritzen hören. Er weint. Wir müssen ohne Sprache. Dann muss er noch mehr weinen. Wir werden den Lebenssaft vom Bild in ihn zurückmalen. Ich nehme Punkt und Strich und fülle das Licht zurück in ihn. Was für eine Geschichte! Warte. Wir brauchen ein Pflaster. Ich male ihm etwas ins Herz. Petr friert. Wir suchen und finden den Schatz nicht mehr.

In den USA verstehe ich alles. Ich wache auf. Begeistert. Aufgeregt. Ich lese alles. Alles wird mir zugetraut. Alles ist so aufbereitet, dass ich in die Materie hineinschwimme. Ich bin, was ich lese und schreibe, und das Geschriebene ist das Gehörte und alles ist eins und ich traue mir alles zu.

Jeder dumme Mann traut sich Blödsinn sagen. Ich darf so blöd reden wie der dümmste Männerbeitrag. So etwas schaffe ich allemal.“ Das ist, seit ich aus den USA zurückgekommen bin, meine Devise. Ich bin geladen. Defensiv. Überall ist Patriarchat. Überall machen sich Männer breit. Ich muss immer in Kontrolle sein.

Wir planen, wegen der Steuern auf Monatshygieneprodukte, die textilbezogenen Stühle und Bänke in allen öffentlichen Einrichtungen anzubluten. Jeden Monat wieder: eine Ein-für-alle-Mal-Lösung. Von egal was. Drängend, groß und mächtig, wild und ungezähmt, weit und verschlingend, todbringend. Ich will verschlingen, auslöschen. Aus der Haut fahren. Etwas in mir verbeißt sich in Unrecht. Wie eine Lupe. Schweinereien erscheinen riesig, scharf und deutlich. In mir ist ein Flammenwerfer. Zielen. Die Flamme würde alles verschlingen. Danach das schwarze Feld. Das Unrecht, in dieser Welt als Frau zu leben, zeigt sich Monat für Monat in einem anderen Licht. Ein Kaleidoskop von Geringschätzungen, Abwertungen, Behinderungen, Kontrollen, Übergriffen, Gewalt, Krankheiten, Armut, Überlastung, Tod, Mord. Die Sorgearbeit, das Kümmern, wie es die Frauenenergie aufsaugt. Wie sich das System die Substanz von Frauen zunutze macht, sie verschlingt. Alles von ihnen in diesen Tätigkeiten bindet und die Frauen sich davon nicht befreien können. Abwertung, Kleinhalten, in der Kindsrolle gefangen halten, sich über sie erheben, von ihnen profitieren. Jeden Monat will die Kraft in mir sich erheben und mit all dem Schluss machen. Eine neue Welt schaffen. Die Männer, die mit mir länger zusammen sind, bekommen das zu spüren. Es ist revolutionär. Sie werden geprüft. Sie entsprechen nicht. Sie sind nicht geschult. Nicht in die Materie eingearbeitet. Die Kraft der Revolution, der Auflehnung, in mir ist riesig groß und brennt lodernd.

 

Jeden Tag spreche ich französische Worte und werde sie sprechen bis zu meinem letzten Atemzug. Grün und üppig spreche ich die hellblau-weiß gestreifte, dunkelblaue Welt aus. Französisch wurde meine Alltagssprache zuhause, die der Mann, mit dem ich lebe, und ich miteinander sprechen.