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Ich hatte die Ehre, Gerda Sengstbratl in Bregenz kennenzulernen. Die Gespräche mit ihr machten große Neugier und Lust darauf, ihr Buch zu lesen.
Ich habe es mir zugelegt und schon von der ersten Seite an erzeugte es einen unglaublichen Sog, ich las es wie im Rausch, konnte es nicht zur Seite legen. Es eröffnet Universen, überwältigt fast, man möchte es nicht weglegen, eher wieder lesen und wieder lesen und wieder lesen. (Eigentlich lese ich keine Bücher mehrmals.)

Gerdas Buch ist von großer Authentizität, Weisheit, Direktheit, Stärke geprägt.

Fette Leseempfehlung!

Gerda Sengstbratl erzählt die Entwicklung einer Frau über mehrere Jahrzehnte hinweg – von der Kindheit über Jugend und Ausbildung bis hin zu Liebe, Sexualität, Bildung, Beruf, Reisen und der allmählichen Herausbildung einer eigenen weiblichen Identität. Im Zentrum steht dabei weniger eine spektakuläre Handlung als der Prozess des Frau-Werdens: Wie entsteht ein Ich unter den Bedingungen einer Gesellschaft, in der patriarchale Rollenbilder und Erwartungen das Leben von Frauen prägen?

Der zeitliche Bogen von 1960 bis 2005 macht aus der individuellen Lebensgeschichte zugleich ein Stück österreichischer Gesellschaftsgeschichte. Die zweite Welle des Feminismus bildet dabei einen wichtigen Hintergrund. Sengstbratl erzählt jedoch nicht primär theoretisch oder programmatisch über Feminismus. Vielmehr zeigt sie gesellschaftliche Veränderungen anhand des Alltäglichen, Körperlichen und scheinbar Nebensächlichen. Bildung, Kleidung, Beziehungen, Körper, Sexualität, Spiritualität und Reisen werden zu Stationen einer zunehmenden Selbstbestimmung.

Bemerkenswert ist die Form: Der Text arbeitet chronikalisch, aber zugleich stark verdichtet. Einzelne Jahre und Lebensabschnitte werden durch kurze Szenen, Bilder und sogar Listen von Dingen aus den 1960er-, 1970er- und 1980er-Jahren aufgerufen. Ein Rezensent vergleicht diese Dramaturgie mit einem „Jahresring“, der das Ich wie einen Baum wachsen lässt.
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5,0 von 5 Sternen Sengsbratl: Ich werden

Bewertet in Deutschland am 15. August 2026

Gerda Sengstbratl: „Ein Ich wächst in mir wie Gras, wie Veilchen, wie Baum, wie Wald“, erschienen 2026 bei edition fabrik.transit in Wien.