VIER SCHAUFENSTER, DIE SPRECHEN
Die Schaufenster sprechen mit dem Dorf. Alle paar Wochen sagen sie etwas Neues. Oft ohne Worte. Was in die Schaufenster kommt, entsteht leicht und wie von selbst. Ideen steigen auf wie Blasen und platzen.
Eine alte Frau lässt sich am Sonntag immer früher in die Kirche fahren, damit sie noch ein Weilchen davor stehen kann und schauen: Indien, Afrika, die Mongolei. Die Göttin Isis. Schneeglöcken, groß wie Kinder. Alles aus Gold. Weihnachtskugeln. Ein Labyrinth aus einem roten Band aus Samt, Worte in arabischer Schrift. Eine gemalte Wiese, lebensgroß. Kiwikissen, rosa Pompoms, hundert Rosen, gelber Tüll, Bänder und Fahnen, Pantoffel aus Bast, Kaffeebohnen, groß wie Melonen, Stricknadeln von Riesen mit rot-weiß-roter Band-Wolle Stricken wir uns selbst das Land. Kunstvolle Lebkuchen der Künstlerin Gertie Fröhlich aus Fröhlich’s Lebkuchen Manufaktur, Wien.
KINDERAUSLAGE
Carmen ist neun Jahre alt. Sie verliebt sich bei einer Ausstellung von Senso in eines seiner Bilder. Dafür spart sie lange. Dann stirbt der Maler. Nun ist das Bild für sie für immer verloren. Wir finden es in Sensos Nachlass. Es hängt seitdem bei ihr zuhause. Seitdem sind einige Jahre vergangen. Jetzt ist sie eine junge Frau. Sie wird Altenpflegerin und sie empfängt bei Lesungen das Publikum.
Lydia ist neun Jahre alt. Zu den Tagen des Offenen Ateliers bringt sie ihre Zeichnungen mit. Einen ihrer Engel kann man in der Kinderauslage bewundern. Daneben sind Werke von Leonie aus St.Nikola. Sie war sieben, als sie ihr erstes Werk ausstellte. Sie ging in die erste Klasse. Sie will Malerin werden. Die ganze Familie muss zum Auslagenschauen nach St.Georgen mitkommen. Diesen Sommer - jetzt ist sie neun - war sie mit ihrer Freundin Nadine zum Malen da. Das Mittagessen im Gasthaus bezahlten wir mit einem Bild. Kinder laufen und stoppen vor der Kinderauslage. Wenn sie sieben Mal vorüber gehen, bleiben sie sieben Mal stehen. Ein Dreijähriger geht morgens mit seinem Großvater zur kleinen Küche – zur Zeit sind Miniaturen ausgestellt: Miniaturspeisen einer schottischen Künstlerin und eine Miniaturwohnung.
Die Mühlviertel-Waldviertel Galerie MÜWA: eine Wolke aus Farben und Licht1
VIER SCHAUFENSTER, DIE SPRECHEN
Die Schaufenster sprechen mit dem Dorf. Alle paar Wochen sagen sie etwas Neues. Oft ohne Worte. Mehr ...
KÜNSTLERiNNEN
Künstlerinnen und Künstler, die in der MÜWA Galerie ausstellten oder lasen, wurden danach wie Leopold Strobl angekauft vom Museum of Modern Art in New York,. Gertraud Klemm gewann beim Bachmannpreis in Klagenfurt. Vorher hatte sie in der Mühlviertel-Waldviertel Galerie MÜWA schon gelesen. Die iranische Malerin Shahmoradi-Strohmaier war im Weltmuseum Wien ausgestellt. Gudrun Seidenauers letzter Roman, aus dem sie las, war Ö1-Buch des Monats.
Künstlerinnen und Künstler aus St.Georgen und der Umgebung, sowie aus der Ferne – das Weiteste war die Malerin Narantsogt Zultsetseg aus der Mongolei – zu vernetzen, kristallisierte sich nach und nach von selbst heraus. So viele mongolische Besucher wie bei dieser Ausstellung hatte St.Georgen noch nie gesehen. Flüchtlinge aus Afghanistan, die im Flüchtlingshaus in St.Georgen untergebracht waren und zur Ausstellung kamen und der Ehemann der Malerin fanden in der Galerie heraus, dass sie beide der ethnischen Gruppe der Hazara angehörten und eigentlich weitschichtige Verwandte waren.
SOMMERSCHREIBTAGE
Vom 1.-5. August finden seit mehreren Jahren Schreibtage statt. Es gibt kein gut oder schlecht. Schreiben fühlt sich an, als liefen wir im Pyjama herum. Geschrieben wird mit Impulsen wie eine Waldwiese, ein Moorteich, ein Musikstück, ein Satz, ein Bild. Jedes Jahr entsteht eine Geschichtensammlung: oft sind es bewegte Blicke von außen auf das Dorf. Eine Teilnehmerin sagte, sie hätte so Kraft bekommen, dass sie danach kündigte und sofort eine bessere Arbeit fand.
LESUNGEN
Die Zusammenarbeit der Mühlviertel-Waldviertel Galerie MÜWA mit der Bücherei St.Georgen am Walde
St. Georgen am Walde hatte einen berühmten Schriftsteller als Zweitwohnsitz-Bewohner: Alexander Sacher-Masoch2, Mitbegründer des österreichischen PEN-Clubs und dessen erster Generalsekretär3 nach 1945.4 hatte seinen Zweitwohnsitz in St.Georgen am Walde. Er schrieb und wohnte jahrzehntelang am Bauernhof Großreitner. Seine Frau Milica und er brachten Menschen ins Dorf, die für die österreichische Literatur von großer Bedeutung waren: so wie Franz Theodor Czokor5, ein österreichischer Schriftsteller und Dramatiker. Er gilt als einer der bedeutendsten Dramatiker des Expressionismus in Österreich. Sie brachten Nada und Aron Cohen aus der Wolfsonstraße 3 am Mount Carmel in Haifa nach St. Georgen. Sie, die Jüdin, war im Zweiten Weltkrieg zuständig für Morsemitteilungen der Partisanen, die gegen die Nationalsozialisten kämpften. Sie öffnete mehrere Leute im Dorf für alles Jüdische. Nach seinem Tod stiftete Milica, seine Witwe 1994 zu seinem Andenken einen Literaturpreis, den nach ihm benannten Alexander-Sacher-Masoch-Preis, der NachwuchsliteratInnen zugute kommt.
Ich weiß von einem roten Buch, das von einem Mann aus St. Georgen geschrieben wurde und leider verschollen ist. Ich weiß von einer prämierten und auf Radio Oberösterreich ausgestrahlten Kurzgeschichte, verfasst von einem jungen St. Georgener. Ich weiß, dass einige im Dorf schreiben und geschrieben haben, ohne damit bisher an die Öffentlichkeit gegangen zu sein. Schachenhofer Wolfgang forscht und schreibt seit Jahrzehnten an einer Chronik. Er ist ein lebendes Lexikon. Eine Zeitlang stand vor der Bücherei eine Kiste mit Büchern zur Entnahme. Irgendwann war sie leider weg.
Die Bücherei ist ein Zauberort. Sie ist für mich das, was in einer Gemeinschaft weit über das Verwertbare und den Kommerz hinausgeht. Die Bücherei ist Reisebüro für Reisen ins Unbekannte. Ein Drehkreuz von Geschichten, die uns alle in Stille ganz intim lauschen lassen. Getragen wird sie seit vielen Jahren von der Lebensenergie von um die 15 Freiwilligen, die diesem Ort dienen, die die Tagesgeschäfte aufrecht erhalten, sich um Ankauf und Verleih kümmern. Die Bürgermeister waren und sind aufgeschlossene Menschen, die die Bücherei zusammen mit Land und Bund mittrugen und unterstützen.
Seit 2013 gibt es eine Kooperation zwischen Bücherei, der größten österreichischen Literatenvereinigung - der Grazer Autorinnen und Autorenversammlung - und der Mühlviertel- Waldviertel Galerie MÜWA. Diese Zusammenarbeit führte einige Größen und etwas weniger bekannte Schreibende der österreichischen Literaturszene nach St. Georgen, zum Auftakt sogar mit der großen Trommelgruppe des Ortes: 2013: Gertraud Klemm, die danach erst den Ingeborg Bachmann Publikumspreis erhielt und Susanne Lederer.
Wer ab 2014 zum Lesen ins Dorf kam, kann man auf der Liste nachlesen.
1 Die Idee, die Räume des früheren SPAR-Geschäftes als Galerie zu adaptieren, stammt von meinem Bruder Senso, Rudolf Sengstbratl (Maler 1959-2013), der vor der Realisierung unerwartet starb. Ohne ihn gäbe es keine MÜWA-Galerie. Umgesetzt wurde die Idee von mir und unserem Vater. Seit das Haus in den Besitz meiner Schwester Helene Sengstbratl überging, trug diese das Projekt mit. Eröffnung: April 2013. Verantwortlich für die Inhalte: Gerda Sengstbratl. Kooperationen: Bücherei St.Georgen und Grazer AutorInnenversammlung, Kulturamt OÖ (Tage des Offenen Ateliers).
Adresse: MÜWA MÜHLVIERTEL-WALDVIERTEL GALERIE Markt 10, 4372 St.Georgen am Walde
2 Er war ausgebildeter Chemiker, betätigte sich in der Zwischenkriegszeit schriftstellerisch und engagierte sich politisch links. 1938–40 war er als Emigrant journalistisch in Belgrad tätig, 1940–43 lebte er, zum Teil interniert, auf der Insel Korčula. Nach Kriegsende gründete er mit seinem Freund Franz Theodor Csokor P.E.N.-Österreich.
3 Der heutige P.E.N.-Präsident Dr. Helmuth A. Niederle, Afrika-Experte, hielt in der Österreichischen Gesellschaft für Literatur 2010 die Einführungsrede zu meiner Afrika-Publikation Einer ist hier schon verrückt geworden.
4 1946–47 war er der erste Chefredakteur der von der KPÖ herausgegebenen Kulturzeitschrift Österreichisches Tagebuch (später Wiener Tagebuch). Seine Werke befassen sich häufig kritisch mit den letzten Jahrzehnten der Donaumonarchie und anderen zeitgeschichtlichen Themen.
5 Franz Theodor Csokor wurde vom Staat ehrenhalber der Titel „Professor“ verliehen. Seit 1970 verleiht das österreichische P.E.N.-Zentrum den nach ihm benannten Franz-Theodor-Csokor-Preis. 1975 wurde im Bezirksteil Kaiserebersdorf des 11. Wiener Gemeindebezirks die Csokorgasse nach ihm benannt. 1994 gab die Österreichische Post eine Sonderbriefmarke zu seinen Ehren heraus. Ehrungen1937 Goldener Lorbeer der Warschauer Literaturakademie1937 Goldenes Verdienstkreuz der Polnischen Republik1937 Burgtheater-Ring1938 Grillparzer-Preis 1953 Literaturpreis der Stadt Wien 1954 Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung 1955 Ehrenring der Stadt Wien 1955 Großer Österreichischer Staatspreis für Literatur1960 Goldene Feder 1961 Ehrenmitglied des Presseclubs Concordia 1965 Österreichisches Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst
Ich liebe Gestaltung und Gestaltetes.
Ich habe keine Ambitionen in den Bereichen jenseits des Schreibens. Oft ergeben sich Werke. Sie entstehen einfach. Ungeplant. Eines fügt sich zum andern. Im Flow sein. Selbstvergessen. Musik. Räucherungen. Blumen. In einer gestalteten Umgebung. Schreiben am allerliebsten in den Hotellobbys sündteurer Hotels.
Bei der Caritas hängt ein Abendkleid in Mauve und Altrosa auf einem Ständer. Aus dicker Seide und Chiffon. Mit Fischgrätmieder. Alles mit der Hand genäht. Ich kaufe es. Als Schreibimpuls für Schreibende. Ich male eine Paradies-Tapete über ein Riesengemälde meines Bruders. Freundinnen und Freunde posieren mit dem Abendkleid vor ihrem Körper mit dem Gemälde als Hintergrund. Ich fotografiere alle. Sie sind begeistert. Ich grundiere einen alten Sessel weiß. Schreibe mit dicker, schwarzer Schrift einen Satz auf Lehne, Sitzfläche, Beine. Das Abendkleid bleibt von selbst auf einem zweiten Sessel sitzen. Ich stecke das gemalte Porträt DIE GELANGWEILTE von Sung Min Kim in den Ausschnitt. Ich stelle die zwei Sessel in die Auslage. Im Hintergrund das Paradiesgemälde. Sprechen mit dem Dorf.
Ich denke darüber nach, wie falsch Erinnerungen sein können. Als Kind bekam ich einmal zu Weihnachten ein Puppenwohnzimmer geschenkt. In der Erinnerung ist es nur mit einer winzigen Knipslampe ausgestattet. Das war sicher nicht so. Die Knipslampe führt zu Miniaturen: Ich bestelle ein Puppenappartement zum Zusammenbauen. Es ist so winzig, dass ich mir beim Kleben und Schneiden eine Sehnenscheidenentzündung zuziehe, die monatelang nicht weggeht. Die Puppenwohnung kommt in die Kinderauslage. Miniaturessen kommt ein Jahr später dazu. Ein Dreijähriger im Dorf zieht seinen Opa täglich zur Auslage mit: „Gehen wir zur kleinen Küche!“ Sprechen mit den Kindern des Dorfes. Ich beobachte sie, wenn sie vor der Kinderauslage stehenbleiben. Lächeln. Bei jedem Vorübergehen wieder so, als wäre es das erste Mal.
Leonie mit Freundin Nadine, beide neun Jahre alt, sitzen in der Galerie und malen. Ich auch. Es ist still. Sie rufen mich, wenn sie mehr Farbe brauchen, die ich ihnen auf Glas aus den Behältern herausdrücke. Wir sind alle drei versunken. Im Gasthaus bezahle ich das Mittagessen für uns alle mit meinem Sonnenblumengemälde.
In „Dinge, die das Herz höher schlagen lassen“ erzählt die Erzählerin auf der ersten Seite, dass ihr in der Arbeit so langweilig ist und dass ihr eine Freundin vorschlägt, eine Traumtafel zu machen. Meine Freundin und ich, wir sitzen zwei Sonntag Nachmittage und schneiden Wörter und Bilder aus Zeitschriften für unser Dreamboard. Eigentlich ein Album und ein Heft, keine Tafeln. Einkleben. Fertig. Jetzt wissen wir, wovon wir träumen.
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Foto St.Georgen am Walde: Bruno Haneder www.fotografik.at
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5. OKTOBER 2023, 19.00 Uhr
STÖRFEUER, IG Feministische Autorinnen
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